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Demenz: Warum tragen Angehörige einen so großen Teil der Belastung?

Porträt eines Mannes im weißen Arztkittel mit hellblauem Hemd und grau gestreifter Krawatte. Er blickt mit einem leichten Lächeln direkt in die Kamera. Der Hintergrund ist neutral grau.
Prof. Dr. Richard Dodel, Lehrstuhl für Geriatrie an der Medizinischen Fakultät der UDE (c) privat

Demenz betrifft nicht nur die erkrankten Menschen selbst. Auch Familien, Freundinnen und Freunde sowie andere nahestehende Personen übernehmen häufig über Jahre Betreuung und Unterstützung. Wie groß diese gesellschaftliche Leistung ist, zeigt eine neue europäische Studie unter Leitung von Prof. Dr. Richard Dodel vom Lehrstuhl für Geriatrie der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen.

Das internationale Forschungsteam hat 45 Studien aus Europa ausgewertet. Danach verursacht Demenz in hochentwickelten europäischen Ländern gesellschaftliche Kosten von insgesamt 221,4 Milliarden Euro pro Jahr. Das entspricht durchschnittlich 25.218 Euro pro Patientin oder Patient.

Angehörige übernehmen einen großen Teil der Versorgung

Besonders deutlich wird in der Untersuchung die Bedeutung der sogenannten informellen Pflege. Gemeint ist damit die Betreuung und Unterstützung, die nicht durch professionelle Pflegekräfte erfolgt, sondern beispielsweise durch Familienangehörige, Freundinnen und Freunde oder Nachbarinnen und Nachbarn.

Nach den Ergebnissen der Studie entfallen 58 Prozent der Gesamtkosten auf diese informelle Pflege. Die übrigen 42 Prozent entstehen durch direkte medizinische und pflegerische Leistungen, etwa Arztbesuche, Medikamente, Krankenhausbehandlungen oder die Versorgung in Pflegeeinrichtungen.

Damit macht die Studie sichtbar, welchen großen Anteil Angehörige und andere nahestehende Menschen an der Versorgung von Menschen mit Demenz übernehmen.

„Eine bessere Prävention, frühere Diagnosen und stärkere Unterstützung für pflegende Angehörige könnte die Belastung für Betroffene und ihre Angehörigen deutlich reduzieren“, sagt Prof. Dr. Richard Dodel.

Was bedeutet Demenz?

Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns. Sie kann unter anderem das Gedächtnis, das Denken und die Sprache beeinträchtigen. Mit fortschreitender Erkrankung können auch alltägliche Aufgaben zunehmend schwerfallen. Dadurch benötigen Betroffene häufig immer mehr Unterstützung.

Für Angehörige kann dies über einen langen Zeitraum eine große körperliche und emotionale Belastung bedeuten. Die neue Untersuchung zeigt, dass diese Unterstützung zugleich eine erhebliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung hat.

Große Unterschiede innerhalb Europas

Wie hoch die Kosten pro erkrankter Person sind, unterscheidet sich von Land zu Land. Laut Studie reichen sie von weniger als 15.000 Euro in einigen osteuropäischen Ländern bis zu mehr als 30.000 Euro in westeuropäischen Staaten. Gründe dafür sind unter anderem unterschiedliche Einkommensniveaus, Pflegesysteme und Formen der Versorgung.

Die Forschenden weisen darauf hin, dass die Ergebnisse aufgrund der verfügbaren Daten vor allem für hochentwickelte europäische Länder gelten. Für Länder mit niedrigerem Einkommen liegen bislang nicht genügend Daten vor.

Können neue Therapien die Situation verändern?

Neue biologische Therapien könnten künftig dazu beitragen, das Fortschreiten bestimmter Demenzerkrankungen zu verlangsamen. Dafür sind allerdings eine frühe Diagnose, spezielle Untersuchungen und eine engmaschige medizinische Begleitung notwendig.

Dadurch könnten zunächst zusätzliche Kosten entstehen. Langfristig könnten solche Behandlungen nach Einschätzung der Forschenden jedoch auch dazu beitragen, die Belastung von Betroffenen und Angehörigen zu verringern.

Die Untersuchung ist Teil der Studie „Cost of Illness in Neurology in Europe“. Sie wurde von der European Academy of Neurology und der Lundbeck Foundation finanziell unterstützt.

Originalveröffentlichung: The economic burden of dementia in Europe: COIN-Eu dementia

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